Iran, der Islamische Staat und die Verdrehung des Islam

Iran, der Islamische Staat und die Verdrehung des Islam

Von Maryam Rajavi

Quelle:WorldPolicy

Es scheint, dass bei allen unseren Fortschritten in der sozialen und menschlichen Entwicklung dennoch in jeder Generation neue radikale Parteien entstehen und die Welt erschüttern durch ihre Fähigkeit, normale Menschen davon zu überzeugen, unaussprechliche Grausamkeiten zu begehen.

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Wir denken an die jüngsten Angriffe in San Bernardino, die begangen wurden unter der Anrufung von Gott und der Religion, mit der gleichen Fassungslosigkeit, die uns ergriffen hat bei den vielen sinnlosen Grausamkeiten des 21. Jahrhunderts. Wir kämpfen darum, zu verstehen, wie solche mutwillige Gewalt von menschlichen Gehirnen ausgedacht werden und sich wie Buschfeuer ausbreiten konnte. Und natürlich müssen wir das in Ordnung bringen und uns fragen, wie wir die neueste Version des Extremismus bekämpfen und gegen neue Formen, die Welt derart heimzusuchen, vorbeugen könnten.

Die Ausgeburt des Extremismus, der wir heute gegenüberstehen, ist ein tödlicher Cocktail aus mittelalterlicher Barbarei und zeitgenössischem Faschismus. Es ist eine Weltsicht, die politische Toleranz ablehnt, Frauenfeindlichkeit vertritt und natürlich Gewalt glorifiziert. Dieses besondere Fabrikat strebt die Umsetzung der Scharia und ihre drakonischen Strafen an. Es hat niemals Verbindungen zum Islam gehabt und in der modernen Welt ist eindeutig kein Platz für eine solche Weltsicht.

Jedoch ist es eine Weltsicht, die aktuelle Vorläufer hat. Seit Ruhollah Khomeini im Jahr 1979 an die Macht gekommen ist, hat sich Teheran beständig als erfolgreiches Modell angeboten, dem Fundamentalisten folgen könnten, um Statur, Macht und Legitimität als Souverän zu gewinnen. Das bedeutet eine aufreizende Botschaft für sunnitische Extremisten wie diejenigen beim Islamischen Staat – warum können sie nicht ihren eigenen „islamischen“ Staat bilden, wenn die schiitischen Fundamentalisten das schon geschafft haben?

Während die begrifflichen Ursprünge dieser extremistischen Ideologie in den frühen Jahren des Islam Gestalt angenommen hat, hat er sich in eine globale Kraft zu dem Zeitpunkt verwandelt, als der Fundamentalismus den Iran vereinnahmt hat im Anschluss an die Revolution von 1979.

Das Regime, das den Schah ersetzt hat – der auch abscheulich und undemokratisch gewesen ist – hat fast über Nacht damit angefangen, den islamischen Fundamentalismus in beispielloser Weise zu exportieren. Spektakuläre Geiselnahmen, Bombenanschläge, Selbstmordanschläge und Morde wurden zur Regel, als die Mullahs in Teheran damit begannen, ihre eigene Version eines theokratischen Staats aufzubauen.

Schon in diesem frühen Stadium wurden die schiitischen terroristischen Parteien wie die Milizen im Irak, die Hisbollah im Libanon, die Houthis im Jemen und andere direkt vom iranischen Regime gebildet. Ohne solche staatliche Förderung aus Teheran hätten sich ihre Schlagkraft und ihr Einfluss schnell verflüchtigt und sie wären verschwunden. Die verhängnisvolle Ideologie und das Modell zur Weiterverbreitung sind sehr schnell in zunehmendem Maße todbringend geworden, als ihre Vorkämpfer Zugang zu wahren Schätzen an militärischen, diplomatischen, politischen und propagandistischen Ressourcen innerhalb der souveränen Staatsgrenzen des Iran bekommen haben.

Auf diese Weise hat das erste „Kalifat“ der Moderne begonnen – Jahre bevor al-Kaidas erster Angriff im Jemen Brandsätze gelegt hat und ganze drei Jahrzehnte vor dem Aufstieg des Islamischen Staats.

Viele gehen davon aus, dass der sunnitische Fundamentalismus ein einzigartiges Phänomen ist, vollkommen getrennt zu betrachten von den Dogmen, die von den schiitischen Mullahs in Teheran vertreten werden, aber die Unterschiede sind nebensächlich. In Wirklichkeit haben die sunnitischen Fundamentalisten enorme Stärke unter dem politischen und spirituellen Schirm der iranischen Theokratie gewonnen. Beide teilen die gleichen ideologischen Grundbausteine: die Einrichtung eines religiösen Staats, der gewaltsam die Scharia umsetzt.

Es gibt sehr viele Beweise, dass das Regime in Teheran sunnitische Extremisten zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten bewaffnet und finanziert hat. Nicht nur ist der Iran schon lange ein Förderer der Hamas, sondern, wie auch US Außenminister Jahn Kerry vor Kurzem gesagt hat: „ISIS wurde geschaffen, als Assad 1500 Gefangene aus dem Gefängnis entlassen und Maliki 1000 Menschen im Irak freigelassen hat, die sich zu einer Terrormacht zusammengefunden haben“. Teheran ist bekanntlich der Marionettenspieler von beiden.

In den letzten Jahren hat das Massaker an hunderttausenden Sunniten im Irak und in Syrien unter den Händen des iranischen Regimes und seiner Handlanger eine sprudelnde Quelle für die soziopolitische Unterstützung des islamischen Staats entstehen lassen. Der Iran stützt diese extremistische Hydra von allen Seiten ab und findet immer neue schöpferische Wege, das Raubtier zu Kräften zu bringen, während unsere Missionen der Sicherheit und der Nachrichtendienste ihnen hinterherlaufen. Wenn der Iran einer der Angelpunkte ist, der die extremistische Bedrohung durch den Islamismus mit einer Rechtfertigung versieht, was kann getan werden?

Die Geschichte sagt uns, dass nichts gefährlicher für Fundamentalismus und Extremismus ist als demokratische und gemäßigte Ideale. Das wurde im Iran verdeutlicht, wo die Taktiken des Regimes zur Unterdrückung ihr Hauptziel in den gemäßigten muslimischen Parteien finden, darunter die Mujahedin-e Khalq (MEK).

Um wirklich erfolgreich zu sein, müssen die derzeitigen militärischen Maßnahmen und die nachrichtendienstlichen Operationen in der Region ergänzt werden durch das Propagieren einer Interpretation des echten Islam, der demokratisch und tolerant ist. Nur durch eine nuancierte aber klar unterstützende Strategie, die der Bevölkerung im Iran und in der Region eine anhaltende und physische Hilfe gibt bei dem Streben nach Freiheit und gemäßigter Führung, werden wir einer Wiederholung der dunkelsten Episoden der Geschichte entgehen.

Maryam Rajavi ist die gewählte Präsidentin des Nationalen Widerstandsrats Iran, der die Konstituierung eines demokratischen, Religion und Staat trennenden und atomwaffenfreien Iran anstrebt.